FrauenSingen

Einleitung

Als Ethnologe beschäftige ich mich schon seit einiger Zeit damit, welche sozio-kulturellen Dimensionen des Singens und Musikmachens relevant sind, und welche Problemlagen hieraus entstehen. Aus dieser Beschäftigung heraus haben Frauen, FrauenSingen und FrauenChöre bei mir eine besondere Betrachtung erfahren. 

 

Der Großteil der in Deutschland singen Menschen in Chören sind Frauen - die Debatten um Chöre bilden aber meist nur den "Männermangel" in gemischten ab. FrauenChöre kommen wenig vor, oder müssen als "besonders" beschrieben werden. Tatsächlich bilden FrauenChöre die zahlenmäßig kleinste Chorform in Deutschland. 

 

In meiner Arbeit möchte ich die öffentliche Wahrnehmung von FrauenChören und FrauenSingen mitgestalten und - wenn möglich - sogar verändern. Frauen haben in Chören riesige Potentiale, die meiner Meinung nach noch nicht komplett ausgeschöpft werden. Und es gibt meiner Meinung nach immer wieder Missverständnisse und Probleme. In einem FrauenChor FAQ habe ich versucht solche Dinge erstmalig anzusprechen.

 

Daher gab es 2017 in Berlin den 1. Berliner Frauenchortag, den ich zusammen mit Elisabeth Schubert und Tanja Pannier initiiert hatte.

 

Der Frauenchortag

 

Ziel dieses 1. Berliner Frauenchortags war nicht nur das Verändern der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch das Problem-Feststellen: In Workshops spielten wir mit Literatur, suchten interessante Stücke und Noten, sowohl im Pop als auch in der Klassik. 

 

In einer Diskussionsrunde, versuchte ich verschieden Punkte und problematischen Bereiche des FrauenSingens anzusprechen, die allzu oft übersehen oder auch gar nicht gewusst werden. Wenn es um die Ausschöpfung der tonalen Reichweiten in einem FrauenChor geht, der Umgang mit Frauen im Chor, und auch der geschichtliche Hergang und die Entwicklung von FrauenChören. 

 

Mir persönlich war es wichtig darüber zu reden, dass Kultur uns formt. Dass sie uns in Richtungen bewegt, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen. Bspw. dass eine bestimmte Vorstellung darüber wie Frauen gesanglich klingen sollen - überspitzt gesagt: Hochsängerinnen, und am liebsten Sopran - uns dazu verleiten kann dies technisch auch bewerkstelligen zu wollen. Dabei wird dann häufig übersehen, dass diese Vorstellung eine genuin geschichtlich-gesellschaftliche produzierte Vorstellung ist, die zwar als gegeben wahrgenommen wird, die aber nicht absolut ist.

 

Konzepte

Daher spreche ich allgemeiner vom Phänomen FrauenSingen (das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern wurde bereits von früheren FrauenSingBewegungen so genannt). Es sind die ganzen sozio-kulturellen Dimensionen, die in das Singen miteinfließen, die hierbei angesprochen werden sollen. Es sind Vorstellungen darüber, wie etwas sein soll, darüber, wie es sein kann, die unser Handeln manchmal anleiten.

 

Es sind Praktiken, die Musik möglich und unmöglich machen. Die auch in der Chorprobe psychisch übergriffig sein können, die keine klaren Grenzen ziehen. Es gibt musikalische Praktiken, die frustrieren, die das Chorsingen leidvoll erfahren lassen. 

 

Es gibt genuine kollektive Bilder über das Chorsingen, wie bspw. dass ein Chor funktionieren soll wie ein Instrument, die die einzelnen Individuen im Chor völlig überdecken. Solche Bilder erlauben es nicht die Menschen vor Ort als Subjekte wahrzunehmen, sondern arbeiten nur daran, sie als Objekte formen zu wollen.

 

Um auch an solchen Themen weiterzuarbeiten wird es vorraussichtlich in 2019 den nächsten FrauenChortag geben. In der Zwischenzeit arbeiten wir an einem anderen Konzept für 2018, und wollen einen Open Space schaffen, bei dem Frauen - egal welchen Hintergrunds - Singen und Musikmachen problematisieren und erleben können. Dieses Format, das aktuell den Titel FemVox tragen soll, wird demnächst hier vorgestellt.